Nachhaltige Lernergebnisse beim Klavier-Üben durch Wiederholen

Das Lernen umfasst viele Aspekte. Einer davon ist das Verstetigen von Lernerfolgen. Denn nicht selten werden Schwierigkeiten zwar bewältigt, und Lernerfolge stellen sich ein. Doch beim nächsten Üben sind sie wieder verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt, und man muss von vorne beginnen. Das ist frustrierend, und macht schlechte Laune. Aber es muss nicht sein. Lernergebnisse lassen sich relativ einfach verstetigen, wenn man die richtigen Wiederholungsintervalle wählt. 

 

Denn die Wiederholung ist die Mutter des Wissens. Das gilt auch fürs Klavierüben. Dabei ist es wichtig, dass man die richtigen Wiederholungsintervalle wählt. Dann ist es ein Kinderspiel. 

 

Hat man also ein neues Stück einstudiert, oder eine spezifische Schwierigkeit studiert, oder aber, was sehr häufig vorkommt, eigentlich die Regel ist, einen kleinen Abschnitt davon, so sollte man das kurz danach wiederholen. Zuerst wählt der Übende also ein kurzes Intervall, sagen wir eine Stunde bis zur ersten Wiederholung. Danach verdoppelt man dieses Intervall, kann also zwei Stunden lang etwas anderes machen. Jetzt erfolgt die zweite Wiederholung. Die Dritte nach vier Stunden Pause. Und dann erst wieder am nächsten Tag. Danach legt man einen Tag Pause ein, bevor die nächste Wiederholung an der Reihe ist. Und nun werden die anstehenden Pausen auch wieder verdoppelt, so dass man 2 Tage warten kann, dann 4 Tage, dann 8 Tage, und zu guter Letzt 2 Wochen. Das müsste reichen. Wer will, kann einen Monat später noch mal eine Wiederholung starten. Es schadet nichts. Nun müsste das Stück, oder ein einzelner Abschnitt recht gut im Gedächtnis verankert sein, und leicht wieder abzurufen. 

 

Wer sich auf diesen Prozess einlässt, wird schnell merken, dass der Aufwand schon bei der ersten Wiederholung nicht mehr ganz so gross ist. Bei der zweiten und dritten deutlich reduziert, und erst recht bei den jeweils nächsten. Allerdings ist es nicht so, dass man bei den einzelnen Wiederholungen komplett fehlerfrei spielt. Denn ein bisschen was geht in der Wartezeit von Wiederholung zu Wiederholung immer verloren. Deshalb muss man sich auch bei den Wiederholungen genauso konzentrieren, wie am Anfang. Und natürlich muss bei jeder Wiederholung wieder der gleiche Massstab angelegt werden: Fehler müssen bearbeitet und in Ordnung gebracht werden. Es gibt keine bessere Methode, zur Erzielung dauerhafter und vor allem nachhaltiger Lernerfolge. 

 

So einfach ist das Ganze. 

 

Etwas Theorie

 

Das dahinter liegende Geheimnis ist die Merkfähigkeit unseres Gehirns. Das unterscheidet bekanntlich zwischen Arbeits- und Langzeitgedächtnis. Stellt man sich, also seinem Gehirn eine neue Aufgabe, so wird das Arbeitsgedächtnis voll in Anspruch genommen. Das ist zuverlässig und behält, solange es nicht überfordert wird, alle wichtigen Informationen, die zur Bewältigung der Aufgabe notwendig sind. 

Doch sobald die Aufgabe beendet wird, und man sich neuen Tätigkeiten zuwendet, beginnt der Wissensschwund des Gedächtnisses. Klar, das Wissen ist ja jetzt nicht mehr notwendig. Im Langzeitgedächtnis sitzt es noch nicht. Das Arbeitsgedächtnis bereitet sich auf neue Aufgaben vor. Doch dieser Vorgang des Vergessens, oder besser Verschwindens weil unnütz, geschieht nicht schlagartig, und nicht mit einem Mal. Sondern in Form eine Hyperbel, also zuerst schnell, dann langsamer, bis so gut wie nichts mehr übrig bleibt. Wie lange dieser Vergessensvorgang dauert, kann ich nicht sagen. Doch kann man schon ein paar Stunden später feststellen, dass vielleicht nur noch die Hälfte da ist. Am nächsten Tag vielleicht noch ein Drittel, manchmal nur ein Zehntel. Und noch später hat man das Gefühl, dass gar nichts mehr vorhanden ist. Das ist der Grund, weshalb dieser frustrierende Eindruck entsteht, als ob das ganze Erarbeitung eines neuen Stückes, oder einer Passage oder aber einer spezifischen technischen Schwierigkeit, die man gestern doch erfolgreich gelernt und gemeistert hat, komplett verschwunden scheint. Und man also komplett von vorne anfangen muss. 

 

Um diese zu verhindern gibt es das Mittel der Wiederholung. Und die hat zwei Vorteile, gesetzt den Fall, man beginnt rechtzeitig mit dem Wiederholen. Rechtzeitig heisst in diesem Fall, dass man sich die Anfangsphase, in der noch recht viel im Gedächtnis verblieben ist, zunutze macht. 

 

Gelingt einem das, und das dürfte kein Problem sein, so erzielt man zwei Effekte. Zum einen kann man ja auf das noch vorhandene Wissen, also Können aufbauen, zum anderen signalisiert man mit jeder Wiederholung dem eigenen Gehirn, dass man dieses Wissen nicht nur einmal zur Verfügung haben möchte, sondern dauerhaft. Und das führt dazu, dass nun das Langzeitgedächtnis aktiviert wird. 

 

Und einen weiteren, wohl damit zusammenhängenden Effekt gibt es zu bewundern. Nach jeder neuen Wiederholung schwindet das Wissen zwar wieder aus dem Gedächtnis, aber deutlich langsamer, als nach den vorherigen Auffrischungsprozeduren. Das Wissen verstetigt sich also. Diesen Effekt hat der Psychologe Hermann Ebbinghaus, der Vater der kognitiv-psychologischen Forschung in der nebenstehenden Kurve festgehalten. Man sieht wie nach jedem Wiederholungsintervall die Hyperbel des Vergessens abflacht, das erworbene Wissen und Können also viel länger als vorher im Gedächtnis bleibt. Und daher können wir nun das Wiederholungsintervall verlängern. Gleichzeit verringert sich der Aufwand, mit dem das Wissen, resp. Können aufgefrischt werden muss. 

 

Und die so gewonnene Zeit kann man nun nutzen, sich einen neuen Abschnitt, eine neue Schwierigkeit oder ein ganz neues Stück zu erarbeiten. Nach einer Weile wird man merken, dass dafür im Schnitt immer etwa ein Drittel der Übungszeit insgesamt zur Verfügung steht. Also zwei Drittel Wiederholung stehen einem Drittel Neueinstudierungsaufwand gegenüber. 

 

Und was besonders beglückend ist, mit jeder Wiederholung lernt man sein Stück besser kennen, man spürt förmlich den Fortschritt und man spürt auch die wachsende Sicherheit und Zuverlässigkeit. Die Lernleistung lässt sich mit jeder Wiederholung leichter abrufen, zumindest in der Regel. 

 

Abgrenzung

 

Sicher, dieses Wiederholungsregime ist nicht das Ganze. Aber es ist eine unverzichtbare Voraussetzung, um die eigenen Lernerfolge zu verstetigen. Das eigene Klavierspielen wird besser, belastbarer und nachhaltiger. 

 

Dieses Wiederholungsregime leistet viel, aber nicht alles. Denn Konzentrieren muss man sich in jedem Fall, und das ist ein Thema für sich. Aber auch die Frage, wie gross der Abschnitt also die zu bewältigende Herausforderung sein darf, wird dadurch nicht gelöst. Und man weiss ja auch: so notwendig eine Zergliederung des Stückes ist, so unverzichtbar ist das Wiederzusammensetzen der einzelnen Abschnitt zu dem letztlich zu spielenden Ganzen. Und nach jedem einzelnen Zusammensetzen von Abschnitten muss man sich erneut in den Wiederholungsmodus begeben.