Der du die Missetat der Väter heimsuchest auf Kinder und Kindeskinder bis ins dritte und vierte Glied. (2. Mose 34,7)

 

Vertreibung Odsun Das Sudetenland

 

(Doku Arte, Montagnacht, 17.11.20)

 

 

Gestern Abend ist mir beim Anschauen der ARTE-Doku „Vertreibung“ der Hintergrund der Beneš-Dekrete mit denen die deutsche Bevölkerung nach dem 2. Weltkrieg aus dem Sudetenland vertrieben wurde, klar geworden. 

 

Vorgeschichte

Beneš war der Chef der tschechischen Exilregierung in London, die hier nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Prag 1939 Unterschlupf gefunden hatte. War die deutsche Besetzung des Sudetenlandes 1938 noch durch das Münchener Abkommen quasi völkerrechtlich abgesegnet, so galt das für den Einmarsch der Deutschen in das restliche Gebiet der Tschechoslowakischen Republik, bzw. in jene Teile der Tschechoslowakei, die nach dem Einmarsch von Polen und Ungarn 1938 und der Abspaltung der Slowakei noch übriggeblieben waren, nicht mehr.  

 

Der Henker von Prag

Deutschland wandelte diese Gebiete in sein Protektorat Böhmen und Mähren um, mit dem Ziel, es endgültig dem Territorium des Deutschen Reiches zuzuschlagen. Im Oktober wurde Reinhard Heydrich, Chef des Reichssicherheitshauptamtes in Berlin und Organisator der Judenvernichtung Reichsprotektor auf der Prager Burg und begann sofort offen nationalsozialistischen Terror gegen die tschechische Bevölkerung auszuüben. Er errichtete nicht nur mit Theresienstadt das erste Konzentrationslager auf tschechischem Boden, sondern gliederte auch die tschechische Wirtschaft in die deutsche Kriegswirtschaft ein, und machte die Arbeiter damit zu Zwangsarbeitern für das Deutsche Reich, sondern er begegnete auch jeder Form von tatsächlichem oder vermuteten Widerstand mit brutaler, totalitärer Härte. Binnen kurzem verhaftete er in einer ersten Welle 6000 Tschechen und ließ 1200 Todesurteile verhängen und ausführen, (was ihm den tschechischen Spitznamen „Henker von Prag“ eintrug). Der Rest kam in KZ’s; nur etwas über 50 Tschechen überlebten. (Wikipedia).

 

ARTE sprach auch davon, dass Heydrich einen Plan zur Ausmerzung der tschechischen Bevölkerung und Kultur nach Prag mitgebracht hatte, den er nach dem Ende des Krieges zu realisieren gedachte. 

 

Unter diesen Bedingungen dürfte es nicht schwer gewesen sein, von London aus ein Attentat (Mai 1942) gegen Heydrich organisieren zu lassen, an dessen Folgen er dann verstarb (Juni 1942).  Die Rache der Deutschen war furchtbar. Lidice ist ihr Symbol, aber es ist nicht das einzige Dorf, das die Deutschen Besatzer ausrotteten. Hitler liess das Standrecht über das gesamte Böhmen und Mähren ausrufen. Es gab Verhaftungen und Massenerschiessungen. 

 

Die Beneš-Dekrete

 

Und Edvard Beneš im fernen London schwor Rache. In ihm reifte die Idee einer Art Endlösung der deutschen Frage auf dem Staatsgebiet der tschechoslowakischen Republik. Die realisierte er dann unmittelbar nach seiner Rückkehr nach Prag 1945, in dem er die sogenannten Beneš-Dekrete unterzeichnete, die die Entrechtung und Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung anwies. 

 

Der Rest ist bekannt, und wird auch heute noch im Volksmund erzählt. Die Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei war ein schlimmes Unrecht, das wie alles Unrecht kein Problem löst, sondern neue schafft. Dabei war Beneš kein Kommunist, er war vielleicht Nationalist, und sein Handeln lässt völkisches Denken erkennen, genauso wie das seiner Feinde. 

 

Vertreibung aktuell 

 

Umsiedlungen ganzer Bevölkerungen waren damals an der Tagesordnung und grundsätzlich immer mit schweren Verbrechen verbunden. Sie wurden nicht nur von den Kommunisten unter Stalin ausgeübt, oder von den Nationalsozialisten, sondern z.B. von den Briten, von den Osmanen gegen die Armenier oder Griechen ganz zu schweigen. 

Diese Art der Lösung politischer Probleme ist auch heute noch nicht aus den Köpfen manch eines Herrschers oder Partei. Der letzte Vertreibungswelle in Europa ist mit dem Namen Milosevic in Serbien verbunden, und noch nicht so lange her. Und gerade erst sind wir Zeugen eines weiteren Exodus, der Armenier aus Berg Karabach. 

 

Die Sudetendeutschen, die von Beneš und Tschechen aus ihrem Staatsgebiet vertrieben wurden, wurden dadurch einer ganz eigenen Leidensgeschichte überantwortet, die auch von ihren Kindern und Kindeskindern zu tragen war und vielleicht noch immer ist. Doch das Unrecht, das in ihrem Namen, wie im Namen aller Deutschen vorher an der tschechischen Bevölkerung ausgeübt wurde, die „Heim ins Reich“-Rufe und die starke Anhängerschaft der NSDAP innerhalb der sudetendeutschen Bevölkerung vor der Besetzung der Prager Burg, ging der Vertreibung voraus. Rache ist ein natürlicher Reflex für das Erleiden von Unrecht. Aber Rache ist eben auch eine der Ursachen für neues Unrecht. 

 

Als Beneš 1942 Rache gegen die Deutschen schwor, war in Westeuropa bereits der Gedanke an Versöhnung und Zusammenarbeit einstmals befeindeter Staaten und Nationen geboren worden, womit der Nationalismus, der zum 1. Weltkrieg geführt hatte, überwunden werden sollte und nach 1945 schließlich auch konnte. Beneš war mit seinen Dekreten sicher nicht gut beraten, er stand nicht nur für das alte Denken von

Unrecht, Rache und Vergeltung, wodurch neues Unrecht geboren wird, er wird auch immer in einem Atemzug mit jener Vertreibungspolitik genannt werden, die damals entweder exekutiert oder auch akzeptiert und geduldet wurde. 

 

Heute reicht es nicht aus, solche Art von Umsiedlungspolitik zu verdammen, und ihre Urheber zu brandmarken, im Gegenteil. Damit befindet man sich auch weiterhin nur im Jahrtausende alten Kreislauf von Unrecht, Vergeltung und neuem Unrecht.

Frieden wird nur dort geschaffen, wo Menschen und Staaten auf Partnerschaft setzen, auf ein gleichberechtigtes Miteinander über Ethnien, Religionen und Kulturen hinweg. Nur das macht uns reich, nur so können wir die innergesellschaftlichen aber auch internationalen Probleme lösen.