Vortrag

Seelische Narben - Freiheit und Verantwortung in den Biographien politisch Verfolgter

• Es geht im Folgenden um ein Doppelthema, bzw. um die Verbindung von zwei Begriffen, bzw. Begriffspaaren, „Seelischer Narben“ einerseits und „Freiheit und Verantwortung“ andererseits. 

 

• Narben kennt jeder: Verletzungsspuren, resp. -Folgen. Sie können sowohl Zeichen einer Heilung sein, aber sie können auch dauerhafte Folgeschäden benennen. Und damit ist der Doppelcharakter von Narben benannt, um die es heute Abend gehen wird. Narben bedeuten nicht nur Heilung. 

 

• Auch seelische Narben, also Spuren der Verletzung einer Seele, können Zeichen eines Heilungsprozesses sein, aber auch, nicht selten gleichzeitig eines dauerhaften seelischen Leidens. 

 

• Auch unter Freiheit und Verantwortung kann sich jeder etwas vorstellen: Freiheit wird dabei von uns in der Regel mit etwas Schönem assoziiert, Verantwortung eher, nicht nur mit Last. Es gehört nicht viel Lebenserfahrung dazu, zu begreifen, dass diese Vorstellungen erweitert werden müssen. Die Freiheit, sich seine Seinsfragen, seine Lebensfragen selbst zu beantworten, seine Konflikte selbst zu lösen kann eine gewaltige Last sein. Und Verantwortung wahrzunehmen, kann sehr glücklich machen. 

 

• Was ist das Besondere an politischen Traumatisierungen? Es sind Verletzungen, die einem im öffentlichen Raum, im politischen Raum beigebracht wurden. Und diesem öffentlichen Raum kann ich nicht entfliehen. Ich muss mich also bemühen, meine Wunden die Chance zu einer Heilung zu geben, ohne dass ich dafür einen besonderen Schutzraum aufsuchen könnte. Im Wesentlichen kann Heilung nur in jenem Raum geschehen, in dem auch die Wunden entstanden sind. 

 

• Genau das ist das das Spezialgebiet von Karl-Heinz Bomberg, dem Urheber, Gestalter und spiritus rector unser heutigen Veranstaltung. 

 

• Und in diesem Heilungsprozess von politischen Traumatisierungen geht es nicht in erster Linie um den Konflikt zwischen individueller Freiheit und Wahrnahme von eigener Verantwortung, mit dem man in der DDR, oder nach ihr, angeeckt ist, sondern es geht um jene Freiheit und Verantwortung, mit deren Hilfe man seinen eigenen seelischen Heilungsprozess befördern, ermöglichen kann. 

 

• Das ist ungewöhnlich, das ist eine neue Ebene, in die uns Karl-Heinz Bomberg hier schauen lässt. Was ist damit gemeint? 

 

• Freiheit und Verantwortung ist mehr als Kreativität und schöpferisches, künstlerisches Gestalten, obwohl die Fähigkeit dazu diesen Heilungsprozess von politisch verursachten Traumatisierungen durchaus und z.T. sehr erfolgreich ermöglichen kann. Gino Kuhn ist ja hier. Er beschreibt diesen Prozess. Bomberg selbst auch in doppelter Funktion als Liedermacher, und als Therapeut. 

 

• Ich selbst habe die Wende immer als meine ganz persönliche Rehabilitierung empfunden. Nichts Schöneres als die DDR selbst abzuschaffen. Und ich kenne einige andere Mitstreiter von damals, denen es genauso ging. 

 

• Aber dann kam die Zeit danach, und mit ihr die Rückkehr der Gespenster aus der Zeit davor, sei es als Stasi-Spitzel in höchsten staatlichen Funktionen, sei es als politische Kraft, der ich mehr den Untergang gewünscht hatte als eine Renaissance; noch schlimmer plötzlich die Sympathie dafür in den eigenen Reihen, die sich kaum davon abhalten ließen, neue Machtbündnisse zu schließen. 

 

• Kurz die alten Konflikte waren wieder da. Und man musste aufs Neue kämpfen. 

 

• Aber es geht hier nicht um mich. 

 

• Wichtig ist etwas anderes, es geht darum herauszufinden, wie man trotz dieser Verhältnisse leben kann. Und das hat etwas mit Arbeit zu tun. 

 

• Arbeit ist zwar mühevoll, und sie dauert, und sie bindet Ressourcen. Aber sie ist eine selbstbewusste und eigenständige Tätigkeit, an der mich niemand hindern kann, wenn ich sie will. Und das hat mit Verantwortung, Selbstverantwortung zu tun. 

 

• Denn zuerst muss ich begreifen, mich begreifen, und das gilt für alle seelischen Schäden, und Bomberg beschreibt das sehr schön. Ich muss verstehen, dass ich für meine, eigenen seelischen Reaktionen letztlich selbst verantwortlich bin. 

 

• Dieser Satz ist für viele Opfer eine Zumutung. Denn, nicht sie haben ja das Unglück, in das sie geraten sind, geschaffen. Das stimmt ja auch. Aber es ist ihre Reaktion, ihre Empfindlichkeit, ihre psychische Struktur, die sie so verletzt reagieren lässt. Und das muss man erst mal für sich akzeptieren können. Dann kann man sich an die Aufarbeitung dieser Verletzungen machen. 

 

• Ich weiß, dass die Entschuldigung der Täter von gestern, enorm zum Heilungsprozess beitragen könnte, wenn sie denn gesprochen würde. Doch darauf kann man lange warten. Und so besteht eben die Herausforderung für die Überwindung seelischer Schäden darin, sich unabhängig zu machen, eben freizumachen, von den politischen Verhältnissen wie wir sie vorfinden, wie sie objektiv bestehen, und dennoch erfolgreich an unserer eigenen Heilung arbeiten können. 

 

• Und genau darum handelt es bei der Freiheit, die Bomberg meint, wenn er von ihr in den Biografien politisch Traumatisierter spricht. Die muss man sich nehmen, aber man muss sie sich auch nehmen können. Ich kann mir vorstellen, dass ein großer Teil therapeutischer Arbeit darin besteht, seinen Patienten zuerst mal klarzumachen, dass man sich mit sich selbst beschäftigen muss, und nicht mit den Verhältnissen, dass man lernen muss, aber auch kann, neue Verhaltensstrategien zu finden, neue Wege zu finden, am Leben wieder teilzunehmen und teilzuhaben, ohne sich ständig wieder re-traumatisieren zu lassen. 

 

• Das ist keine leichte Aufgabe. Soll niemand denken. 

 

• Aber es gibt da schöne Beispiele für: S:163 Frau J-P: Glück ist in mein Herz gezogen. Eine Frau, die unter posttraumatischer Belastungsstörung in Folge einer DDR-Haft leidet, und für die die Coronapandemie retraumatisierend wirkte. Ihr half das Nähen von Masken. Kreativität und Empowerment gleichermaßen. 

 

• Diese Art des Empowerments ist ein Prozess, selten, dass er die Traumata endgültig bewältigt, aber lindern kann er sie wohl immer. 

 

• Die Opfer tragen ihre Narben, ihre Spuren ständig mit sich herum. Selten, dass ein Heilungsprozess so endgültig ist, dass die Narben nicht mehr schmerzen. Und das sollten wir uns auch immer klar machen. 

 

• Es gibt im Buch sicher auch kritisches anzumerken, die Bedeutung von Sozialismus, oder die Declaration der Menschenrechte von 1948, ohne 1789 zu erwähnen. Oder die stillschweigende Gleichsetzung von Moderne und Kapitalismus. Doch das steht nicht an erster Stelle. Für mich liegt im Sozialismus keine Perspektive mehr, und die Moderne hat mehr mit Menschenrechten zu tun als die Marktwirtschaft, aber das ist keine Frage von seelischen Heilungsprozessen. 

 

• Wo die Narben politisch Traumatisierter noch schmerzen, da lebt die DDR noch. Zumindest in ihnen. Für andere mag der Historisierungsprozess beendet sein, bevor er begonnen hatte. Leute, die die Aufarbeitung gar nicht wollen, weil sie nicht über ihre eigene Verantwortung in und für die DDR nachdenken wollen. Dass sie sich selbst mit ihrer Art der verweigerten Schuldanerkenntnis für diese Diktatur keinen Gefallen tun, dass sie sich und ihre Nachkommen belasten, wer weiß bis wohin, und dass sie zur Retraumatisierung der Opfer beitragen, das müssen sie sich sagen lassen. 

 

• Denn Faulkner hat ja recht, wenn er sagt: „The past is never dead. It's not even past.“. Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist noch nicht einmal vergangen. 

 

Foto Gino Kuhn
Foto Gino Kuhn